“Wir haben jetzt eine Willkommensbegleiterin”

Agilität im Handwerk birgt großes Potenzial

Modernes Handwerk – Agile Führung in der Bäckerei

Warum auch das goldene Handwerk des Bäckermeisters gut und gerne ein paar agile Elemente vertragen kann, erläutern Matthias Bergmann von der Bäckerei Bergmann und Sebastian Daume von YNEO auf der Agile HR Conference 2020. Hier gibt es mal einen – Achtung! – Vorgeschmack …

HR Pioneers: Was ist ein agiler Bäcker? Wie darf ich mir Agilität in Deinem Handwerk vorstellen?

Matthias: He He, die Frage haben wir in letzter Zeit wirklich öfter zu hören bekommen. Ich denke, dass die Agilität hier eher als Mindset in unserer Zusammenarbeit besteht. Dabei ist es eventuell noch nicht klassisch im Handwerk verankert, dass wir einmal die Woche ein Meeting haben, wo wir auch über unsere Zusammenarbeit sprechen. Und wie diese funktioniert hat und was wir da ändern möchten. Des Weiteren haben wir Teams gegründet, die sich schwerpunktmäßig um große Themen kümmern. Das Ganze gehen wir jeden Tag für ca. 15-20 Min. in einem Daily durch. Das heißt dann in unserer Branche, dass zum Beispiel bei neuen Produkten alle direkt informiert sind und alle die Möglichkeit haben, sich einzubringen. Dadurch haben wir eine hohe Transparenz und auch eine gute Vorplanung. Wenn dann mal was nicht so klappt, setzen wir uns zusammen und reden darüber, was wir das nächste Mal brauchen und wie wir es dann anders lösen können.

Sebastian: Häufig kommt zuerst die Assoziation: „Haha, das agile Brötchen“ – was auch immer das sein soll. Natürlich geht es bei einer „agilen Bäckerei“ nicht darum, auf eine andere Art der Zusammenarbeit einen funktionierenden Produktionsprozess zu ändern, vielmehr um die Organisation darum herum. So haben wir mit Matthias und dem Leitungsteam regelmäßige und strukturierte Termine eingeführt, um den Vertrieb zu organisieren. Die Termine finden an einem Tag statt und haben das Ziel, 1. die Arbeitsergebnisse zu zeigen, 2. die Zusammenarbeit zu reflektieren und 3. die nächste Woche zu planen. Das war – neben der Einführung eines „Backboards“, um die Arbeit transparent zu machen, – der wichtigste Schritt in die neue Form der Zusammenarbeit.

HR Pioneers: Wie kam die Idee auf, die Bäckerei umzuorganisieren? Welche Herausforderungen habt Ihr?

Matthias: Als Familienbetrieb, der gerade Anfang 2000 sehr schnell gewachsen ist, sind wir gegen 2015-2016 schlichtweg an unsere Grenzen gestoßen. Wir haben für uns gemerkt, dass ein Familienrat, der alles allein entscheidet und dann einfach die Themen nach unten delegiert, nicht so funktioniert, wie wir uns das vorstellen. Gerade bei unseren Werten als Familienbetrieb hat dies immer wieder zu Problemen geführt. Leider hatten wir keine Zeit und Luft, über diese Themen zu sprechen, da schon die nächsten Projekte anstanden. Dadurch ist die Unzufriedenheit schleichend gestiegen. Irgendwann aus einem Streit heraus kam dann der Punkt, an dem wir etwas ändern mussten.

Sebastian: Matthias und ich sprechen als alte Freunde und Unternehmer sehr intensiv und regelmäßig miteinander. Es gab da dieses eine Telefonat: Matthias bat mich zu helfen mit den Worten „Die Menschen in meinem Unternehmen müssen innovativer werden.“ Natürlich hat sich herausgestellt, dass ein stark veränderungsbereiter Chef, der gern Neues ausprobiert, nicht noch mehr Innovation in seinem Unternehmen braucht. Transparenz, Offenheit, Vertrauen, Wertschätzung, gemeinsames Lernen voneinander, miteinander und übereinander – und: mit der täglichen Arbeit ein gemeinsames Ziel verfolgen. Das sind die Bedürfnisse in dem Team gewesen, mit dem wir am Anfang in den Prozess gestartet sind.

Wichtig war zu Beginn die Erkenntnis, dass wir gemeinsam einen Weg der Veränderung begleiten, der in eine nachhaltige Zukunft führt. Was genau das heißt, haben wir im ersten Jahr unserer Zusammenarbeit im Dialog erörtert. Das heißt, wir haben mit einer gemeinsamen Vision angefangen, bei der alle Mitarbeiter eingeladen wurden, ihre Sicht auf Kultur und das Unternehmen mit einzubringen. Auch hier gab es mehrere Iterationen. Durch die Beteiligung aller Menschen im Unternehmen war am Ende ein weiterer wichtiger Grundstein für diesen Weg gelegt. Von Maßnahme zu Maßnahme steigen das Interesse und die Beteiligung. Natürlich führt so eine Veränderung nur zu einer positiven Resonanz, wenn auch sichtbare Ergebnisse oder Projekte entstehen. Matthias und sein Team arbeiten hier unermüdlich daran, nicht nur großartige Produkte, sondern auch einen großartigen Arbeitsplatz für alle MitarbeiterInnen zu schaffen.

Diese beiden Herren machen die Bäckerei Bergmann nicht nur agiler, sondern auch sozialer und ökologischer: Matthias Bergmann und Sebastian Daume von YNEO Network.

 

HR Pioneers: Eure Bäckerei ist ein Familienbetrieb. Da gibt es meist besondere Herausforderungen, wenn man umgestalten möchte. Aber Du hast von Seiten der “Vorgängergeneration(en)” freie Hand?

Matthias: Das war gerade am Anfang ein Riesen-Diskussionspunkt. Wir haben es nicht geschafft, die anderen Wege so zu kommunizieren, dass alles, was vorher aufgebaut wurde, natürlich nicht falsch war oder schlecht, sondern einfach nur durch die Größe andere Mittel benötigt. Der Prozess zog sich in der Änderung der Arbeitsweise immer mit und ist auch heute noch Bestandteil der Gespräche. Umso wichtiger ist es, hierbei transparent zu sein und wertschätzend jeder Generation gegenüber umzugehen. Mittlerweile haben wir da einen sehr guten Umgang gefunden, und die Zufriedenheit ist bei allen gestiegen.

HR Pioneers: Welche Vorteile siehst Du auf Seiten der Kundinnen und Kunden?

Matthias: Ganz klar in der Entwicklung einer neuen Kultur bei unseren Mitarbeiter*innen, unserer Bergmann Familie. Das spüren am Ende auch die Kunden*innen. Wir sind mit unseren Entscheidungen und Vorgaben sehr viel transparenter geworden, gerade Stimmen und Anfragen aus den Verkaufsstellen – sei es von unseren Teams oder von den Kunden*innen – werden aufgenommen und fließen mit in unser Handeln und Tun ein.

Das führt zu leckeren Backwaren, die sich unsere Gäste wünschen, und vor allem zu mehr Zufriedenheit in allen Bereichen. Was am Ende auch die Gäste spüren, die dadurch einfach lieber wiederkommen.

HR Pioneers: Wirkt sich das auch positiv auf Dein Recruiting aus – wenn ja, inwiefern?

Matthias: Seitdem wir uns anders organisieren und die Projekte auf Augenhöhe vergeben, konnten wir unsere Quote von Aufhörern, gerade im ersten halben Jahr, halbieren. Das war schon extrem zu sehen. Auch bekommen wir deutlich mehr Bewerbungen als vorher. Wir haben aus der Arbeit zum Beispiel ein extra Personal-Team gründen können und haben jetzt ganz neu eine Willkommensbegleiterin. Diese kümmert sich die ersten vier Wochen um alle neuen Kollegen*innen. Das kommt schon extrem gut an und ist, glaube ich, nicht so gängig in der Bäckerbranche.

HR Pioneers: Und schmecken Eure Brötchen jetzt auch besser? 😉

Matthias: He he, tolle Frage und Ihr wisst ja, über Geschmack lässt sich nicht streiten. Deswegen beantworte ich die Frage etwas anders. Ob unsere Brötchen besser oder anders schmecken, müssen unsere Kunden*innen beurteilen. Was sehr auffällt: Wir haben sehr viel mit unseren Partnern und Lieferanten gesprochen und mittlerweile unser gesamtes Brotsortiment und die Hälfte des Brötchensortiments auf lokale und transparente Rohstoffe umgestellt. Wir beziehen hierbei unsere Rohstoffe im Umkreis von 50 km und vorwiegend aus Thüringen. Dies war vorher nicht immer so klar geklärt. Dadurch haben wir wieder viel mehr Einfluss auf die Qualitäten der Rohstoffe und haben es geschafft, so neben fairen Preisen für unsere Partner auch neue und langfristige Projekte zu entwickeln. Unser Mohn zum Beispiel kommt von 25 km von uns entfernt.

HR Pioneers: Was können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Agile HR Conference 2020 Deiner Meinung nach von Eurem Vortrag “Modernes Handwerk – Agile Führung in der Bäckerei” für ihre Arbeit mitnehmen?

Matthias: Also mein Ziel ist es ganz besonders, für andere Wege zu werben und für ein Miteinander. Wir haben auf unseren Weg gelernt, dass das WIR immer stärker ist als das ICH. Die Bereitschaft zur Veränderung muss ganz klar von der Geschäftsführung am Anfang mitgetragen werden und dies nicht in erster Linie aus wirtschaftlichen Faktoren. Ein Umfeld eines Miteinanders zu schaffen, darüber können wir sehr viel erzählen und auch über den steinigen Weg dorthin, der wirklich oft von Rückschlägen geprägt war – und auch noch ist. Nicht aufzugeben und an die Veränderung zu glauben und – ganz wichtig – zu akzeptieren, dass dieser Weg nie aufhört und immer weitergeht, ist etwas, worüber wir sprechen und wofür wir hoffentlich begeistern können.

Sebastian: Zum einen ist der Vortrag eine Quelle von Inspiration, was durch eine Veränderung der Organisation der Arbeit – hin zu mehr Selbstorganisation, Eigenverantwortung und Sinnstiftung – alles möglich ist. Wenn ich „agile Bäckerei“ in einer Suchmaschine eintrage, wurden mir vor drei Jahren noch Blogbeiträge angezeigt, in denen geschrieben steht, dass agiles Arbeiten super funktioniert, aber eben nicht in einer Bäckerei. Wir haben nun schon seit drei Jahren mit geschmackvollen Beispielen den Beweis angetreten, dass gerade im Handwerk ein Potenzial freigesetzt werden kann, das über die reine Organisationsentwicklung hinausgeht: hin zu gesellschaftlicher Verantwortung, ressourcenschonenden Wertketten und mehr Menschlichkeit mit Sinn, gesundem Menschenverstand und Spaß.

Wenn Du – nochmal Achtung! – auf den Geschmack gekommen bist, gibt es mehr davon mit einem Ticket zur Agile HR Conference 2020.

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