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Was Justin Bieber und der Kompetenzbegriff gemeinsam haben…

In unserer neuen Blogserie werden wir in den kommenden Wochen umfassend auf das Thema „Kompetenzen“ eingehen und Ihnen hierbei auch das agile Kompetenzmodell von HR Pioneers näher bringen.Wir starten mit einer Annäherung an den Kompetenzbegriff, populären Kritikpunkten und mit der Frage, was Justin Bieber eigentlich mit dem Kompetenzbegriff zu tun hat…

Erinnern Sie sich mal an die letzten Stellenanzeigen, die Sie aufmerksam studiert haben. Sind sie hier auch in den vergangenen Jahren verstärkt über den Begriff der „Kompetenzen“ gestolpert? Oder vielleicht haben Sie ja bereits schulpflichtige Kinder. Dann dürfte Ihnen auch nicht entgangen sein, dass immer stärker der „kompetenzorientierte Unterricht“ in den Alltag der Schulkinder drängt. Handelt es sich hierbei denn nur um die nächste populärpädagogische Sau, die öffentlichkeitswirksam durchs Dorf getrieben wird? Rollt der „Hype-Train“ jetzt einfach nur durch Bildungseinrichtungen und Personalabteilungen? Ist „Kompetenz“ bloß ein aufgeblasenes Modewort, das seinen Ursprung weniger in erziehungswissenschaftlichem Kontext als in einer findigen Marketingabteilung hat?

Machen wir’s kurz: Der Kompetenzbegriff ist keineswegs eine Modeerscheinung. Eher im Gegenteil. Er ist bereits mindestens so alt wie Trikotwerbung in der Bundesliga oder die Ölkrise. Und wäre er ein Auto, könnten Sie schon lange ein H-Kennzeichen für ihn beantragen. Bereits Anfang der 70er formulierte der Deutsche Bildungsrat den Kompetenzbegriff, da das Lernen in Inhalt und Form dazu beitragen sollte, „dass Menschen im privaten, beruflichen und öffentlichen Bereich (…) eine reflektierte Handlungsfähigkeit erreichen“. Damals gab es bereits die Unterscheidung zwischen Fach-, sozialen und humanen Kompetenzen. Zwischenzeitlich verwendete man zwar eher den Begriff der „Schlüsselqualifikationen“ (Weiterlesen? „Schlüsselqualifikationen in Personalauswahl und Personalentwicklung“ von Eilles-Matthiessen u.a.), in den letzten Jahren kehrte man aber wieder zur Verwendung des Begriffs der Kompetenzen zurück. Fach-, Personal- und Sozialkompetenzen führten demnach zur Ausprägung der Handlungskompetenz. Berufliche Handlungskompetenz war Leitgedanke beruflicher Bildung . Sie konnte als „alle Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissensbestände des Menschen, die ihn bei der Bewältigung konkreter sowohl vertrauter als auch neuartiger Arbeitsaufgaben selbstorganisiert, aufgabengemäß, zielgerichtet, situationsbedingt und verantwortungsbewusst (…) handlungs- und reaktionsfähig machen und sich in der erfolgreichen Bewältigung konkreter Arbeitsanforderungen zeigen“ (Franke (2005), S.33) beschrieben werden. Trotz der Bandwurmartigkeit dieses Zitats, leuchtet es doch zunächst mal ein. Zündfunke für vielerlei Diskussion hingegen ist, dass weder in der Wissenschaft noch in der Öffentlichkeit eine einheitliche Auffassung darüber vorherrscht, welche Aspekte tatsächlich zum Konzept der Kompetenzen zu zählen sind.

11913429076_b61adfd384_kEin wesentlicher Kritikpunkt, der insbesondere von Erziehungswissenschaftlern vorgebracht wurde war der, dass der Kompetenzbegriff weder theoretisch noch empirisch fundiert sei und sich seit den 70ern Jahren keine wissenschaftliche Substanz hinter dem Begriff gebildet hätte. Theoretische Unterbauten sind bisher eher selten. Darüber hinaus sind viele Kompetenzen nicht unmittelbar beobachtbar und so auch nur schwerlich mit einem geeigneten Messinstrument messbar. (Welche Strategien wir für unser Kompetenzmodell entwickelt haben, lesen sie im zweiten Teil der Blogserie.)

Seitens einiger Wissenschaftler wird darüber hinaus scharf kritisiert, dass der Begriff der Kompetenz immer mehr zur Worthülse verkommt, der je nach Bedarf und Zielsetzung inhaltlich aufgeladen würde. Die Begrifflichkeiten würden willkürlich festgesetzt und führten dadurch zu einer Ambivalenz des Begriffs und durch die Beiläufigkeit der Verwendung außerdem zu einer Entwertung. Die beiden Pädagogen Geißler und Orthey warfen einigen ihrer Kollegen sogar vor, sich der „aufmerksamkeitsheischenden Platzierung neuer Begrifflichkeiten mit verdünnter Zinnsubstanz und geringem Klärungswert“ zu bedienen (Geißler, Orthey (2002), S.69). Dies träfe derzeit insbesondere beim Kompetenzbegriff zu, vorher bereits beim Begriff der „(Schlüssel-)Qualifikation“.

Ein weiterer Kritikpunkt, der seitens einiger Pädagogen laut wurde, war der, dass der Begriff eindeutig ökonomisch eingefärbt sei, gar die „ökonomisierte Variante des Bildungsbegriffs“. So würde durch die Stärkung des Kompetenzbegriffs auf dem Rücken des Bildungssystems eine Interessenpolitik für die Wirtschaft betrieben.

Dass dies bei Wissenschaftlern möglicherweise zu Bauchschmerzen führt, ist nachvollziehbar. Dem würde ich allerdings mit meinem kleinen Latinum entgegnen wollen: Non scholae, sed vitae discimus! (= Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Wussten Sie sicherlich.) Und ein Großteil dieses Lebens findet für die meisten von uns eben bei der Arbeit statt, von daher kann man einer Eignung und Formung für den Arbeitsmarkt möglicherweise auch etwas positives abgewinnen. Vorausgesetzt, man hat keine Tayloristischen Arbeitsverhältnisse klassischer Prägung im Sinn, sondern setzt sich dafür ein, den geeigneten Kandidaten für die passende Stelle zu finden, der sich dort auch gut aufgehoben fühlt und seine Stärken entfalten kann. 

Dieses Prinzip steckt im Grunde auch hinter unserem agilen Kompetenzmodell, welches wir Ihnen in den kommenden Wochen näher bringen wollen und welches die Basis für unsere Agilen Assessment Center und agilen Auswahltage bildet. Uns war es wichtig, jene Kompetenzen (ob man den Begriff nun mag oder nicht) zu identifizieren, die für die erfolgreiche Arbeit im agilen Kontext unerlässlich sind, um darauf basierend Instrumente zu entwickeln, mit denen jene Kompetenzen von Bewerbern und Mitarbeitern ermittelt werden können.

Ich bin Ihnen immer noch eine Antwort schuldig, was nun Justin Bieber eigentlich mit dem Kompetenzbegriff zu tun hat. Nun, beide mussten und müssen regelmäßig relativ viel Gegenwind von Kritikern einstecken, erfreuen sich allerdings bei ihrer jeweiligen Zielgruppe, trotz des Vorwurfs allzu großer Beliebigkeit nach wie vor ungebrochener Popularität. Abgesehen davon kann man sich beiden aufgrund ihrer Präsenz nur schwerlich entziehen, was beim Kompetenzbegriff allerdings deutlich weniger unangenehm sein dürfte und weswegen wir diesem auch hier in den kommenden Wochen unsere Aufmerksamkeit schenken wollen. Sorry, Justin.

Wir freuen uns über den Austausch, Anregungen und Kritik zu diesem Thema, aber natürlich auch, wenn Sie Interesse daran haben, mehr über unser agiles Kompetenzmodell zu erfahren oder dieses in Ihrem Unternehmen adaptieren wollen.

Literatur:

Franke, Guido (2005): Facetten der Kompetenzentwicklung. Hrsg.: Bundesinstitut für Berufsbildung, Bielefeld

Geissler, Karlheinz A.; Orthey, Frank Michael: Kompetenz: Ein Begriff für das verwertbare Ungefähre. In : Literatur- und Forschungsreport Weiterbildung, (2002) 49, S. 69-79.

 

Mehr zum Thema „Kompetenzen in der Kritik“? Laden Sie sich auch den wissenschaftlichen Aufsatz zum Thema „Kompetenz in der (Erwachsenen-) Pädagogik“ unseres Autoren aus Uni-Zeiten herunter!

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