Folge 16 // Alle Folgen im Überblick
Warum Rollentransparenz Leistungsfähigkeit freisetzt
Wenn Führung zur Dauer-Eskalationsstelle wird, ist das selten ein People-Problem. Es ist vielmehr ein Rollen- und Entscheidungsproblem. Rollentransparenz schafft Handlungsfähigkeit: weniger Doppelarbeit, weniger Reibung, mehr Abschlusskraft im Wertstrom. Dabei ist entscheidend, dass Verantwortung an Entscheidungsrechte gekoppelt ist und Ihr die Rollen regelmäßig überprüft. Dieser Beitrag zeigt Dir am Beispiel eines Versicherers, wie mit Shared Leadership klare Rollen und Minimum Viable Governance (MVG) Klarheit geschaffen wird, ohne neue Bürokratie aufzubauen.
Ausgangslage
Du kennst das Muster vermutlich: Eine wichtige Entscheidung steht an, z. B. eine Pricing-Anpassung, Produktveränderung, Prozess- oder IT-Entscheidung. Am Ende landen solche Fragen meist bei einer Person: bei Dir. Manchmal berechtigt, manchmal eher aus Gewohnheit.
Wenn Dir das bekannt vorkommt, lohnt sich ein kurzer Rückblick. In Folge 2 haben wir beschrieben, wie Engpässe entstehen, wenn Verantwortung diffus bleibt und Entscheidungen nach oben wandern. In Folge 3 haben wir gezeigt, warum Organisationsdesign mehr ist als ein Organigramm. Es übersetzt Wertschöpfung in Struktur, Rollen und Governance. Diese Folge knüpft daran an, mit dem Fokus auf Rollen & Verantwortung als Hebel für Organisational Performance.
Der Grund für Deine Rolle als Eskalationsstelle ist selten fehlende Kompetenz im System. Es sind kleine, unaufgelöste Fragen, die sich addieren:
- Wer entscheidet fachlich, wer entscheidet über Menschen und Kapazitäten?
- Wer priorisiert wirklich, wer darf nur Input geben?
- Wer setzt Standards, wer darf bewusst davon abweichen?
Im Versicherungskontext verstärkt sich das: Es gibt viele Abhängigkeiten zwischen Fachbereich, IT, Betrieb, Recht und Compliance sowie einen hohen Qualitäts- und Regulierungsanspruch. Gleichzeitig der Druck, schneller zu liefern. Wenn Rollen und Verantwortungen dort diffus sind, wird die Bereichs- oder Abteilungsleitung zwangsläufig zum Flaschenhals.

Begriffe klären: Was ist gemeint – und was nicht?
Rolle meint hier nicht Jobtitel oder Stellenbeschreibung. Eine Rolle ist ein Bündel aus Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsrechten, das für einen bestimmten Beitrag zur Wertschöpfung gebündelt wird. Sie beschreibt also nicht in erster Linie eine Person, sondern eine Funktion im System: Was muss regelmäßig getan werden, wofür braucht es Verlässlichkeit und wer soll dafür handlungsfähig sein?
Wichtig ist dabei: Eine Person kann mehrere Rollen innehaben. Und umgekehrt kann es sinnvoll sein, eine Rolle neu zu schaffen, wenn eine wichtige Aufgabe bisher zwischen mehreren Personen, Teams oder Hierarchiestufen verloren geht. Genauso kann es nötig sein, Aufgaben zwischen bestehenden Rollen neu zu verteilen, wenn Überlastung, Doppelarbeit oder Konflikte an Schnittstellen entstehen.
Eine gute Rolle schafft daher nicht nur Klarheit darüber, wer etwas tut, sondern auch darüber, wofür diese Rolle wirklich zuständig ist und welchen Handlungsspielraum sie hat. Dazu gehören vier Elemente:
- Auftrag (Purpose): Wofür gibt es die Rolle?
- Accountabilities: Wofür ist sie verantwortlich?
- Entscheidungsrechte: Was darf sie entscheiden, in welchem Rahmen?
- Schnittstellen: Mit wem arbeitet sie in welchem Takt zusammen?
Verantwortung wirkt nur, wenn sie an Entscheidungs- und Handlungsrechte gekoppelt ist. Verantwortung ohne Entscheidungsraum ist ein Einladungsschreiben zur Eskalation.
Governance ist nicht gleich Gremienlandschaft. Im Sinne von Minimum Viable Governance (MVG) meint sie das kleinste Set an Regeln, Rollen und Routinen, das nötig ist, damit Teams zuverlässig in die gleiche Richtung arbeiten – damit nicht alles über den Tisch der Bereichsleitung muss.
Genau an dieser Stelle wird Shared Leadership relevant: Nicht eine Person trägt jede Führungsaufgabe allein, sondern Verantwortung wird bewusst auf mehrere Rollen verteilt – mit klaren Zuständigkeiten und definierter Kopplung.
Warum das Thema jetzt besonders wichtig ist
Die Anforderungen an Führung und Organisation steigen parallel. Wenn Rollen unklar sind, blockieren sie sich gegenseitig:
- Tempo und Regulatorik müssen zusammengehen.
- End-to-End-Fluss kollidiert mit funktionalen Zuständigkeiten.
- Geteilte Führung verspricht Entlastung. In der Praxis kippt sie oft in Konsenspflicht.
Wenn Ihr Verantwortung verteilen wollt oder müsst, braucht Ihr kein Idealmodell. Ihr braucht Klarheit: Wer entscheidet was, wie wird synchronisiert, wie verhindert Ihr ständige Abstimmung.
Leitprinzipien
1) Führung ist ein Rollenbündel, kein monolithischer Job
Wenn eine Person gleichzeitig fachlich priorisieren, disziplinarisch führen, Risiken minimieren, Konflikte moderieren und Strategie übersetzen soll, entsteht Überlastung. Die Antwort ist nicht mehr Resilienz. Die Antwort ist ein bewusster Zuschnitt von Rollen. Genau darin liegt die Logik von Shared Leadership: Führung wird nicht als Einzelrolle verstanden, sondern als bewusst gestaltetes Zusammenspiel mehrerer Rollen.
2) Rollentransparenz senkt Abstimmungs- und Reibungskosten
Unklare Rollen erzeugen Abstimmung, Doppelarbeit, Konflikte und Absicherungsverhalten. „Lieber nochmal ins Steering.“ Transparenz macht Entscheidungen günstiger. Arbeit fließt besser.
Wenn Du tiefer in die End-to-End-Perspektive einsteigen willst: In Folge 4 haben wir gezeigt, warum Reibung selten „im Team“ entsteht, sondern an den Schnittstellen im Wertstrom. Genau dort entscheiden Rollenklarheit und Entscheidungsspielraum über Tempo.
3) Shared Leadership ist keine Konsenspflicht
Geteilte Führung heißt nicht, dass alle alles gemeinsam entscheiden. Shared Leadership heißt: Führungsaufgaben werden klar getrennt und gezielt gekoppelt.
- Trennung: Wer entscheidet fachlich? Wer verantwortet Menschenentwicklung? Wer hält die Zusammenarbeit arbeitsfähig?
- Kopplung: In welchem Takt und Format stimmen sich diese Rollen ab, ohne in Dauerschleifen zu kippen?
4) Verantwortung folgt Aufgabe, nicht Titel
In vielen Organisationen entscheidet die Hierarchiestufe, nicht der Kontext. Das ist teuer. Wirksame Rollen koppeln Entscheidungsrechte an die Arbeit, nicht an die Position. Das ist der eigentliche Hebel gegen Eskalation.
5) Minimum Viable Governance statt Overengineering
Unklarheit lässt sich nicht mit Regeln erschlagen. Wer es versucht, landet bei Regelwerks-Polizei und Schattenstrukturen. MVG (Minimum Viable Governance) meint: so wenig Formalität wie möglich, so viel wie nötig. Und dann wirklich verbindlich.
Praxis: Mini-Case aus der Versicherungsbranche
Situation
Ein Versicherer bündelt Produktentwicklung in wertstromnahen Teams. Beispiele: Kfz-Neugeschäft, Schadenregulierung, Bestandskunden. Ziel: schneller werden, ohne Qualität und Compliance zu riskieren.
Symptom
Die Bereichsleitung ist permanent Eskalationsstelle. Entscheidungen zu Prioritäten, Kapazitäten und Lieferzusagen landen regelmäßig oben. Führungskräfte in den Wertströmen fühlen sich verantwortlich, ohne den Entscheidungsraum zu haben. Die Bereichsleitung wiederum arbeitet Themen ab, die eigentlich im System entschieden werden könnten.
Der zentrale Rollenkonflikt
- Fachliche Führung (z. B. Product Owner): „Wir müssen Feature X liefern, sonst verlieren wir Prämie und Marktanteil.“
- People Lead: „Die Kolleg:innen sind am Limit. Wir müssen Skills aufbauen und Fluktuation vermeiden.“
Beide haben recht. Genau deshalb braucht es eine Entscheidungslogik im Organisationsdesign, kein Machtwort vom Bereichsleiter.
Genau darin zeigt sich, wie Shared Leadership in der Praxis funktionieren kann: nicht als Harmonieversprechen, sondern als klare Verteilung von Führungsverantwortung.

Schritt 1: Rollen-Inventur entlang echter Arbeit
Nicht mit dem Organigramm starten, sondern mit wiederkehrenden Führungsaufgaben im Wertstrom. Zum Beispiel:
- Priorisierung und Zielkonflikte lösen
- Lieferzusagen und Scope schneiden
- Kapazität planen, Skills entwickeln
- Qualität und Standards sichern
- Risiko- und Compliance-Entscheidungen einbinden
Ergebnis: Eine Liste „Führungsarbeit, die heute irgendwo passiert“, mit den Fragen:
- Wer tut das?
- Wer sollte das tun?
- Wer entscheidet wirklich?
Schritt 2: Entscheidungsrechte explizit machen
Für die kritischen Entscheidungsarten definierst Du drei Dinge:
- Entscheiderrolle: Wer hat das Recht?
- Leitplanken: Budget, Risiko, Standards, Zeit.
- Input-Pflichten: Wen musst Du vorher hören?
Wichtig: Input ist nicht Veto. Sonst baust Du Dir Konsenspflicht ins System.
Schritt 3: Den PO/People-Lead-Konflikt strukturell lösen
Gib dem Konflikt eine Struktur, statt ihn kulturell zu bearbeiten:
- Product Owner entscheidet über das Was (Outcome und Priorität) innerhalb vereinbarter Kapazitätsgrenzen.
- People Lead entscheidet über Wer und Entwicklung (Skillmix, Besetzung, Entwicklung) innerhalb vereinbarter Wertstromziele.
- Kopplung: ein kurzes, fixes Format (zum Beispiel wöchentlich 30 Minuten) für Ziel-, Kapazitäts- und Risikoabgleich.
Was dabei entsteht, ist kein Konsens. Es ist ein operativer Handel: Ziele, Kapazität, Risiko. So wird Shared Leadership handhabbar: nicht durch mehr Abstimmung, sondern durch klare Verteilung und gezielte Kopplung.
Schritt 4: Minimum Viable Governance mit drei Routinen
Wenn Führung zur Dauer-Eskalationsstelle wird, fehlt meist ein kleines Set an Routinen:
- Decision Log (leichtgewichtig): Was wurde entschieden? Von wem? Innerhalb welcher Leitplanke? Damit Entscheidungen nicht zurückrollen.
- Rollen-Review (monatlich oder zweimonatlich): Wo reibt es? Welche Schnittstelle ist unklar? Welche Rolle ist überlastet?
- Policy-Stack auf einer Seite: Standards, Risiko-Klassen, Budgetgrenzen. Damit Teams entscheiden können, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten.
Schritt 5: Skills sichtbar machen
In regulierten Kontexten entscheidet oft die höchste Hierarchiestufe, nicht die tiefste Fachkenntnis. Ein Hebel dagegen: Skill-Transparenz. Wer hat Domänenwissen, wer Architektur, wer Compliance, wer Daten? Sichtbare Skills senken die Wahrscheinlichkeit, dass Entscheidungen reflexhaft nach oben wandern.
Schritt 6: Gremien im Wertstrom, nicht daneben
Rollen wirken nur, wenn ihre Kopplung institutionalisiert ist. Für den Versicherungskontext haben sich drei Formate bewährt:
- Wertstrom-Board: Priorisierung und Kapazitätsallokation je Wertstrom.
- Chapter- oder Community-Format: Fachliche Standards über Wertströme hinweg (zum Beispiel Aktuariat, IT-Architektur, Underwriting).
- Risk & Compliance Review: Ein fester Takt, in dem regulatorische Fragen früh geklärt werden, statt Vorhaben spät zu stoppen.
Diese Gremien ersetzen keine Rollen. Sie stellen sicher, dass die Rollen zusammenarbeiten.
Schritt 7: Rollen leben und regelmäßig schärfen
Eine Definition auf Papier reicht nicht. Rollen werden wirksam, wenn drei Dinge im Rhythmus geklärt sind:
- Abgrenzung: Wo endet mein Mandat, wo beginnt Deins?
- Erwartungen: Was ist ein gutes Ergebnis der Rolle, konkret formuliert?
- Übergaben: Welche Artefakte und Informationen braucht die nächste Rolle?
Häufige Fallstricke
- Rollen als Etikett statt als Mandat: Titel ändern, Entscheidungsrechte gleich lassen. Die Eskalation bleibt.
- Shared Leadership als Konsenspflicht missverstehen: Wenn jede Entscheidung gemeinsam getroffen werden muss, wird Abstimmung zum neuen Engpass.
- Governance als Selbstzweck: Zu viele Gremien, zu viele Regeln, zu wenig Klarheit. Aus MVG wird „More Viable Governance“.
- Personalisierung struktureller Konflikte: Der PO/People-Lead-Konflikt ist selten eine Frage von Charakteren. Ohne strukturelle Kopplung wird er zum Dauerkampf.
- Rollen werden nie überprüft: Nach drei bis sechs Monaten passt die Realität nicht mehr zur Rollendefinition. Und keine:r schärft nach.
- Compliance-Reflex nach oben: In regulierten Kontexten wird die Entscheidung gerne „lieber oben“ getroffen. Ohne klare Risiko-Klassen bleibt jede Entscheidung Chefsache.
Fazit
Rollenklarheit ist kein Hygiene-Thema. Sie ist ein Hebel für Organisational Performance und vermeidet Eskalation.

Wenn Du als Bereichsleitung merkst, dass Du zur permanenten Eskalationsstelle geworden bist, ist das ein Signal. Entscheidungen sind nicht dort verankert, wo Kontext und Verantwortung liegen. Shared Leadership kann entlasten und die Qualität von Entscheidungen erhöhen. Das gelingt aber nur, wenn Verantwortung an klare Entscheidungsrechte gekoppelt ist und Minimum Viable Governance dafür sorgt, dass Rollen miteinander statt gegeneinander arbeiten.
Was Dich in Folge 17 erwartet
Sicherheit ist der Anfang von Leistung
Wenn Teams unter Druck plötzlich stiller werden, weniger widersprechen und kein Wissen mehr teilen, liegt das selten an den Menschen selbst. Häufiger fehlen die Bedingungen, unter denen sie offen und wirksam arbeiten können. In der nächsten Folge geht es deshalb um die psychologische Grundlage guter Leistung: Sicherheit.
Weitere Folgen widmen sich:
- Entscheidungsarchitektur
- Zusammenarbeit
- Rollen & Verantwortung
- Prioritäten
- Organisational Performance messen
Bleib dran und lass uns gemeinsam daran arbeiten, Eure Organisation wirksamer, handlungsfähiger und zukunftsfähiger zu machen.
Nächste Schritte: So unterstützen wir Dich!
Lass uns ins Gespräch kommen: Lust auf ein kurzes Sparring zu Eurem Organisational Design?
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Irina Zimmerer
Zusammenfassung für Suchmaschinen:
In Folge 16 der Organisational-Performance-Serie zeigt HR Pioneers, warum unklare Rollen und fehlende Entscheidungsrechte Organisationen ausbremsen. Am Beispiel eines Versicherers wird deutlich, wie Shared Leadership und Minimum Viable Governance dazu beitragen, Verantwortung wirksam zu verteilen, Eskalationen zu vermeiden und Entscheidungen dort zu verankern, wo Kontext und Fachkenntnis liegen. Klare Rollen, definierte Entscheidungsrechte und wenige verbindliche Routinen schaffen Orientierung und stärken die Leistungsfähigkeit der Organisation.
Fotoquellen: Abb. 1: Mit KI generiert, Abb. 2: Mit KI generiert, Abb. 3: Mit KI generiert