Warm-up-Zeiten in Retrospektiven sinnvoll nutzen

Teamentwicklung peu à peu

Warm Up

Ja, man kann das Warm-up in Retros für einen Rückblick auf den letzten Sprint nutzen. Man kann diese Zeit aber auch kontinuierlicher Teamentwicklung widmen. Wie und warum erläutert Jenni (Foto: Duet PandG/Shutterstock)

Immer wieder erlebe ich, dass in Retrospektiven das Warm-up – auch Set the Stage-Phase genannt –, dazu genutzt wird, schon mal einen ersten Rückblick auf den letzten Sprint zu machen. Aus meiner Sicht ist das verschwendete Zeit und vor allem: ungenutzt liegengelassenes Potenzial.

Welche Themen wichtiger sind

Als Agile Master moderierst Du nicht nur das Team, sondern hast auch die Aufgabe, es zu einem Hochleistungsteam zu entwickeln. Und da gibt es eine ganze Reihe von Aspekten, die in einem Team funktionieren müssen. Wenn diese nicht von vornherein da sind, lassen sie sich nur über einen längeren Zeitraum entwickeln. Hier denke ich z. B. an folgende Themen:

  • Psychologische Sicherheit: Amy C. Edmondson hat sehr eindrucksvoll belegt, dass die Psychologische Sicherheit das A und O ist, wenn Teams funktionieren und sich schnell weiterentwickeln sollen. Auch wenn ihr Ted Talk berühmter ist, fasst dieser YouTube-Beitrag ihre Forschungsergebnisse aus meiner Sicht noch besser zusammen.
  • Verletzlichkeit: Das Thema der Psychologischen Sicherheit hängt wiederum sehr eng mit dem Aspekt der Verletzlichkeit zusammen, zu dem Brené Brown die bekannteste Forscherin ist und das Thema nicht nur in ihrem Ted Talk fantastisch für Laien aufbereitet.
  • Vertrauen: Stephen M. R. Covey illustriert in seinem Buch „Schnelligkeit durch Vertrauen“ sehr schön, dass Vertrauen durch Vertrauenswürdigkeit multipliziert mit Nähe entsteht. Dass es eben eine Multiplikation ist, führt er sehr anschaulich aus: Ich kann als Mensch noch so vertrauenswürdig sein. Wenn man nicht die Chance hatte, mich kennenzulernen – woher soll man wissen, dass ich vertrauenswürdig bin? Und umgekehrt: Wenn ich nicht vertrauenswürdig bin, ist mehr Nähe sogar eher schädlich, um Vertrauen aufzubauen.
  • Optimismus: In manchen Teams sind Wohlbefinden und Hoffnung sehr schlecht ausgeprägt, worunter ebenfalls die Leistung leidet. Hierzu hat Martin E. P. Seligman vor allem in seinem Buch „Der Glücks-Faktor. Warum Optimisten länger leben“ seine Forschungsergebnisse aus der Positiven Psychologie mit vielen guten praktischen Tipps kombiniert.

All das sind Themen, die dem Team entweder gar nicht so bewusst sind oder bei denen es sich – selbst wenn sie ihm bewusst sind – um Tabu-Themen handelt. An der Stelle kommst Du ins Spiel, von außen auf das Team zu schauen, die Entwicklungsthemen zu identifizieren und zu bearbeiten.

Mutig den eigenen Weg gehen!

Und da frage ich mich: Wieso sollte ich in Dreigottesnamen als Agile Master in der Retro die Warm-up-Zeit damit verschwenden zu fragen, wie der letzte Sprint so war? Als Wetterbericht, Filmzitat, geknetet oder getanzt (ja, ich nutze diese Methoden auch, aber an anderer Stelle), wo ich im nächsten Schritt doch sowieso mit dem Team einen Rückblick auf den Sprint mache? Oder besser noch eine Zukunftsvision für den nächsten Sprint erarbeite?

Schade, dass hier immer alle nur wieder völlig gedankenlos voneinander abschreiben, anstatt mal die Sinnhaftigkeit ihres Tuns zu hinterfragen. Man merkt doch gleich in der ersten Retrospektive, die man moderiert, dass man hier gerade etwas Redundantes getan hat, wenn man so einem agilen Standardablauf folgt.

Ich habe dazu schon mal einen Blog geschrieben, in dem ich vorschlage, lieber dem klassischen Workshop-Ablauf zu folgen. Die Zeit setze ich z. B. viel besser dafür ein, am Nähe-Aspekt zu arbeiten und den Vertrauensaufbau zu fördern. Hier kann ich zum Warm-up hervorragend Kennlernspiele und -fragen nutzen, damit sich das Team auf einer anderen Ebene kennenlernt. Ich arbeite etwa mit Interventionen aus der Positiven Psychologie oder mache eine Merci-Runde. Oder wir verleihen mit viel Jubel und Wertschätzung den Shit-Award für den interessantesten Fehler mit dem größten Lerneffekt im letzten Sprint.

Mit Kontinuität ans Ziel

Und ja, das sind alles Themen, die Du nicht mal eben in zehn Minuten Warm-up-Zeit entwickelst. Aber das geht auch nicht in 1,5 Stunden kompletter Retro-Spanne. Es kommt darauf an, diese Themen in kleinen Schritten und kontinuierlich zu bearbeiten. Vielleicht machst Du auch mal eine ganze Retrospektive oder ein Teamevent dazu. In jedem Fall aber kannst Du immer die Warm-up-Zeit dafür nutzen!

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * markiert.

Formular zurücksetzenBeitragskommentare