New Work – I Love You, But You’re Bringing Me Down (Sometimes!)

Unsere Eindrücke von der NWX19

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Wir hatten uns als Fantastic Four von HR Pioneers aufgemacht, um uns in spektakulärer Umgebung in der Hamburger Hafencity einen Tag lang die volle Ladung New Work-Inspiration abzuholen. Die Xing SE, oder wie Freunde sie bald nennen dürfen: die New Work SE, lud (gegen entsprechende Teilnahmegebühr) zur New Work Experience 2019 ein. Zum dritten Mal insgesamt, zum zweiten Mal in der Elbphilharmonie.

ElbphilharmonieBummelig 2.000 Leute folgten dem Ruf und konnten schon zum Auftakt der Veranstaltung einen Punkt von ihrer Bucket List streichen: Schließlich konnte jeder im Saal anschließend behaupten, in der Elbphilharmonie Beethovens Ode an die Freude gesungen zu haben. Der Hamburger Monteverdi-Chor hatte sich strategisch günstig und inkognito im Saal platziert und das Publikum dadurch zum Mitsingen animiert. Wenn es noch ein passendes Bild für laterale Führung gebraucht hätte, wäre es dieses gewesen. Ein launiger und passender Anfangsakkord, passend zur wirklich beeindruckenden Umgebung der Hamburger Elbphilharmonie, deren Tücken wir im Laufe des Tages auch noch kennenlernen durften.

New Work Experience – 1

Kaum Zeit zum Luftholen

So bewarb Xing im Vorfeld „mehr als 30 Stunden Programm auf sieben Bühnen“. Im Vergleich zum Jahr davor waren jetzt fast alle Veranstaltungssäle des Tages im Gebäude der Elbphilharmonie gelegen, zusätzlich noch auf einer munter vor sich hin schaukelnden Barkasse im Hafenbecken davor. Die einzelnen, vergleichsweise kurzen Vortragsslots (in der Regel ca. 30 Minuten) waren allerdings so nahtlos getaktet, dass den Zuhörern für die 30 Stunden Programm genau 0 Minuten zum Raumwechsel (abgesehen von den geplanten Kaffee- und Mittagspausen) zur Verfügung standen. Bei der Weitläufigkeit des Gebäudes eine nicht nachvollziehbare Planung, die sich dann in Gerumpel und Gemurmel am Ende eines Vortragsslots ausdrückte, in dem die durchaus charmanten An- und Abmoderationen von Katty Salié untergingen. Das war dem Rahmen und dem Anstrich, den sich die Veranstaltung selbst geben wollte, unwürdig.

Apropos unwürdig: Dass bestimmte Veranstaltungen aufgrund begrenzter Raumkapazitäten mit ebenso begrenzter Teilnehmerzahl versehen waren, fair enough. Wie die Buchbarkeit der Veranstaltungen im Vorfeld jedoch kommuniziert und organisiert wurde, war leider stark verbesserungswürdig. Durch „First Come, First Serve“ war wenige Minuten nach Freischaltung (deren Termin nicht vorher transparent gemacht wurde), schon bei diversen Formaten keine Buchung mehr möglich. Schade bei einem nicht unerheblichen Eintrittspreis. Eventuell hatte man zwar Glück und erhielt auch ohne Voranmeldung Einlass, es konnte aber auch passieren, dass man aufgrund von angemeldeten Nachzüglern dann wieder des Raumes verwiesen wurde. Dafür war aber eine Reihe im vorderen Bereich des großen Saals reserviert, wo man bisweilen den Vorstand des Veranstalters ausmachen konnte. Echt jetzt, Xing?!

Ohne Schlips mit Tages-Du

Ähnlich willkommen wie jene Personen müssen sich auch diejenigen gefühlt haben, die es wagten, an diesem Tag mit einer Krawatte in der Elbphilharmonie aufzutauchen. Diese war nämlich für den Tag zur No-Go-Area für Schlipsträger erklärt worden, als sei der kleidende Halsschmuck die Manifestation allen heutigen Übels in der Arbeitswelt. Genauso verpönt war übrigens das Siezen eines fremden Gegenübers, das „Tages-Du“ trat seine Regentschaft an. Man hätte diese beiden Phänomene als Randnotizen abtun können, jedoch blieb der Eindruck haften, dass viele Anwesende wirklich der Meinung waren, diese Art von Veränderung sei schon ein massiver Schritt in Richtung „New Work“.

Frederic Laloux sprach in seinem Vortrag davon, dass es zwei Arten von New Work gebe: einmal als eine Art Toolbox mit kleinen, netten Gimmicks, die die Zusammenarbeit verändern können, und auf der anderen Seite als eine neue Weltanschauung. Die New Work Experience verblieb vorrangig im Areal des ersteren.

Möglicherweise sind dies auch die nötigen ersten Schritte in Richtung einer nachhaltigeren Veränderung, die Menschen und Unternehmen, die noch relativ am Anfang stehen, gerne und dankbar aufnehmen. Und für jene ist die New Work Experience auch das richtige Format: Es ist bunt, spektakulär und macht Lust und Neugier auf die neue Art zusammenzuarbeiten. Als Einstiegsdroge funktioniert die NWX.

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Highlights der Veranstaltung

Für Personen, die sich schon länger und intensiv mit diesen Themen befassen, bleibt der Erkenntnisgewinn nach dem Tag in der Elbphilharmonie übersichtlich. Vieles verblieb zu sehr im Ungefähren oder kratzte nur an der Oberfläche. Lebhafte, substanzielle Erfahrungsberichte von Unternehmen und wie sie tatsächlich New Work leben, waren eher Mangelware. Löbliche Ausnahmen gab es schon auf der Vorabendveranstaltung zu belauschen: Hier berichteten u. a. die OTTO Einzelgesellschaft, das IT-Unternehmen iteratec (Gastgeber der Veranstaltung) und auch betterplace.org davon, wie sie anders zusammenarbeiten.

Iteratec beispielsweise fand in der Gründung einer Genossenschaft mit Mitarbeitern als Mitglieder eine Antwort auf die Herausforderung, auch noch nach einem Rückzug der Gründer und Geschäftsführer im Sinne der Mitarbeiter die bisherige Identität zu behalten und gleichzeitig gestaltbar zu bleiben. Gerade diese realen Beispiele sind die Inspirationen, die hängen bleiben.

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Ohne Zweifel gab es aber noch weitere Highlights, auch für alte Hasen: die Keynote des Hirnforschers Gerald Hüther etwa, der Vortrag der Soziologin Jutta Allmendinger, der Auftritt von Sascha Lobo oder auch der von CHAN, aka Christiane Haasis und Angela Nelissen von Unilever. Die beiden teilen sich nicht nur eine E-Mail-Adresse, sondern auch die Position des Vice President Refreshment DACH im Jobshare-Modell und warfen vor allem bei mir die Frage auf: Warum gibt es das nicht schon viel häufiger? Dies war einer der starken Momente der NWX, an denen man erahnen konnte, was denn tatsächlich noch alles hinter dem Container-Begriff New Work stecken könnte.

Alles nur ein Film?

So verließ man die Veranstaltung am Ende des Tages mit einem etwas ambivalenten Gefühl, das mich ein bisschen an einen Kinobesuch erinnerte: Wie nach einem Blockbuster-Film fühlte ich mich gut unterhalten, unter anderem von der großartigen Dominique Macri, die den Tag am Ende poetisch aufbereitete, vom Bremer Hiphop- & Soulsänger Flo Mega und von Vortragenden wie etwa Michael Trautmann, der auch den hörenswerten Podcast „On the way to new work“ betreibt. Besonders viel hängen bleiben wird — abgesehen von diesen Knalleffekten — von diesem „Film“ bei mir wohl eher wenig.

PS: Die Inspiration für den Beitragstitel stammt übrigens von diesem Lied.

NWX 2019 Fantastic Four

 

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