Lernen von den Ägyptern

Was ist echtes MVP-Verständnis?

Lernen von Ägyptern 3

Reisen bildet, auch in agilen Arbeitsweisen: Denn auf einer Nilkreuzfahrt mit ihrer Mutter wurde Jenni vor Augen geführt, wie man echte Minimum Viable Products (MVP) im wahrsten Sinne baut.

Es ist mittlerweile eine Binsenweisheit, dass wir es uns nicht mehr erlauben können, Produkte und Services bis zur Perfektion nach unseren Vorstellungen zu entwickeln. Nicht nur aufgrund der Kosten, sondern vor allem aufgrund der Dauer und der Unsicherheit. Start-ups ziehen in Windeseile an uns vorbei oder wir stellen am Ende fest, dass die Kunden unser neues Produkt nicht interessiert – nachdem wir Jahre und Millionen in die Entwicklung investiert haben. Das heißt, wir müssen schnell und mit wenig Aufwand an den Markt, um zu schauen, ob wir auf dem richtigen Weg sind und um die Kunden an uns zu binden.

Kurz gesagt: Wir müssen kleine Nutzeneinheiten, sogenannte Minimum Viable Products (MVP) herausbringen und uns von dort aus weiter vortasten.

Das MVP in der Praxis

In der Theorie klingt das einleuchtend, aber in meiner Arbeit mit Produktverantwortlichen sehe ich immer wieder, wie schwer es uns in der Praxis fällt, klein zu denken. Wir haben vor unserem inneren Auge schon immer das fertige Produkt. Daran ist mit Sicherheit unser Denken von der Lösung her schuld.

Hilfreicher ist es hier, vom Kundenproblem her zu denken. Also von dem Nutzen, den wir stiften wollen. Dann fällt es uns auch leichter, kleinere Ausprägungen zu identifizieren. Seit meiner letzten Urlaubsreise frage ich mich aber, ob vielleicht auch unser Wohlstand und die uns theoretisch zur Verfügung stehenden Ressourcen eine Ursache dieses Denkmusters sind.

Agil bauen am Nil

Ich war nämlich gerade mit meiner 80-jährigen Mutter auf einer Nilkreuzfahrt und habe dort sehr interessante Beobachtungen gemacht. Während meine Mutter sich über die hässlichen Bauruinen, die überall herumstanden, wunderte, hatte ich ein Aha-Erlebnis: Die Ägypter sind wahre Meister darin, mit dem geringstmöglichen Aufwand in schnellstmöglicher Zeit Wert zu erzeugen. Es handelt sich nämlich keineswegs um Bauruinen, sondern um MVPs und kleine Ausbaustufen davon.

Höchstwahrscheinlich aus der wirtschaftlichen Not herausgetrieben, müssen die Ägypter beim Hausbau in Etappen (Iterationen) bauen und sich auf das Wesentliche beschränken. So bauen sie den Großteil ihrer Häuser nach einer Art Baukastensystem: Es wird ein Skelett aus Stahlbeton in immer gleich große Würfelkanten gegossen. Aber immer nur bis zu dem Stockwerk, für das aktuell noch genügend finanzielle Mittel vorhanden sind.

Und je nachdem, wie viel Geld der Bauherr besitzt, werden diese Würfelkanten aus Stahlbeton dann mit sehr groben, günstigen Backsteinen ausgemauert, sodass Außenwände und Zimmer entstehen oder mit entsprechend höherwertigen Material ausgestaltet. Es kann sein, dass unten in den ersten zwei Räumen schon Menschen wohnen, manchmal sogar ohne Fenster und Türen. Diese Räume sind dann nur mit Tüchern und Teppichen (das MVP) verhängt, während die nächste Etage weiterhin nur aus dem Skelett besteht. Hier stehen dann auch zeitweise die Parabolantennen und hängen die Wäscheleinen. Und wenn wieder Geld da ist, setzt man Fenster und Türen ein oder mauert die nächste Etage aus (die Ausbaustufen). Und dann können auch weitere Menschen einziehen. Parabolantennen und Wäscheleinen wandern dann eine Etage höher.

Man sieht auch selten verputze Häuser. Wenn überhaupt hat sich die Familie nur ihren Balkon in den schönsten Farben und mit den schönsten Motiven von innen angemalt. Eben nur das, was sie selbst sieht, wovon sie selbst einen Nutzen hat. Der Rest der Außenfassade zeigt den Rohbau.

Die Learnings für unsere Produktentwicklung

Diese Denkweise ist genau das, was wir in Zeiten schneller Veränderungen für unsere Produktentwicklung und Services benötigen. Hier können wir etwas von den Ägyptern lernen:

  • Schnell einen ersten kleinen Nutzen erzeugen, mit der Möglichkeit, das Produkt um weitere Features aufzustocken.
  • Der erste kleine Nutzen ist mit einfachen Mitteln erstellt, die später durch professionellere Ausfertigungen ersetzt werden können (aber nicht müssen).
  • Features, die bei einer Erweiterung im Weg sind, werden gegebenenfalls abgebaut und an anderer Stelle wiederaufgebaut – oder auch weggelassen.
  • Man konzentriert sich auf die funktionalen Anforderungen. Kosmetik wird nur da betrieben, wo der Kunde einen spürbaren Nutzen davon hat.
  • Die Weiterentwicklung wird gestoppt, wenn es dem Kunden keinen weiteren Nutzen bringt. Verschwendung wird vermieden.

Vielleicht sollten wir ein paar ägyptische Kolleginnen und Kollegen in unsere Unternehmen holen, die unsere hochfliegenden Träume immer wieder hinterfragen und uns lehren, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Denn theoretisch sind wir zwar reich, in der Praxis leiden wir aber Not an Zeit und Kapazitäten. Vielleicht brauchen wir jemanden, der uns das immer wieder bewusst macht.

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