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Sternentreffen zur Weihnachtszeit – die erste agile stars im RheinEnergieSTADION Köln

Jedes Jahr treffen sich auf unserer Agile HR Conference Menschen aus ganz Deutschland, die sich mit ihren Unternehmen auf die Reise hin zur agilen Organisation begeben. Mit dabei sind diejenigen, die noch ganz am Anfang der Reise stehen bis hin zu denen, die schon lange unterwegs sind. Im Gespräch mit den erfahrenen Reisenden entstand die Idee, eine Plattform zu schaffen, auf der sie sich austauschen und noch mehr voneinander und miteinander lernen können. Damit war der Grundstein zu den „agile stars“ geboren.

_MG_4156Am 02. und 03. Dezember 2015 war es nun soweit: Im stimmungsvollen Ambiente des RheinEnergie Stadions in Köln trafen einige der agilsten Unternehmen Deutschlands aufeinander. Mit dabei waren whatever mobile, AOE, Haufe-Umantis, MCS Promotion und cleverbridge. Sie alle gaben spannende Einblicke in ihre Unternehmen und stellten vor, wie weit sie auf ihrer agilen Veränderungsreise in den sechs Dimensionen Strategie, Struktur, Prozesse auf der Kundenseite und Kultur, HR und Führung auf der Mitarbeiterseite gekommen sind. HR-Pioneers-Abb1-web-e1448955706895Dabei zeigte sich, dass jedes Unternehmen schon in bestimmte, unbekannte „Territorien“ vorgedrungen ist, wiederum andere aber noch nicht einmal betreten hat. So berichtete ein Unternehmensvertreter beispielsweise, dass seine Mitarbeiter bereits seit langem selbstorganisiert arbeiten, sprich auf prozessualer und struktureller Ebene schon über einen hohen Reifegrad verfügen. Aber wenn es nun darum geht die Teams komplett loszulassen und ihnen die Möglichkeit zur Selbstführung zu geben und selber ihre Strukturen, Prozesse zu bestimmen, treten sie auf der Stelle. Hier zeigte sich, dass agile Führung nicht einfach nur heißt, los zu lassen. Insgesamt tauchte Führung immer wieder als zentrales Kernelement der agilen Veränderung auf, sowohl als „Enabler“ als auch als „Verhinderer“ auf. So erläuterte bspw. Haufe-Umantis seinen Führungs-/Organisationsquadranten. Dieser enthält die vier unterschiedlichen organisationalen Führungselemente von der klassisch hierarchischen Pyramide bis hin zum agilen Netzwerk. Und nicht immer ist es richtig, das agile Netzwerk als „DIE“ Lösung der Zukunft hinzustellen. Manchmal sind klassische Strukturen, zumindest in Teilbereichen, notwendig, um Mitarbeitern Sicherheit und den Rahmen zu guter Arbeitsleistung zu geben. Denn nicht alle Mitarbeiter verfügen über den entsprechenden Reifegrad, selbstorganisiert zu arbeiten und arbeiten zu wollen.

Für viel Diskussionsstoff und Emotionen sorgte das Thema agile Vergütung. Dazu gehörten die Themen „Offenlegung der Gehälter“, „wer legt die Gehälter fest“, „inwiefern sind die Mitarbeiter auch finanziell am Unternehmen beteiligt“, „Boni“ und „Gehaltserhöhungen“. Denn bei aller Liebe zur agilen Veränderung und dem Fakt, dass sich hier die agile stars der agilen Unternehmen trafen, hört hier oftmals der agile Veränderungswille auf bzw. setzt die Angst ein. Dan Schwarzlmüller von whatevermobile fasste die Thematik schön mit „Nenn es Respekt, am Ende ist es Angst“ zusammen. Und ich denke, es ist die Angst vorm Loslassen des „eigenen“ Unternehmens und teils immer noch mangelndes Vertrauen in die Fähigkeit und das Verantwortungsbewusstsein der Mitarbeiter. Dann ist da auch die Furcht, die Entscheidung beispielsweise transparenter Gehälter nicht mehr rückgängig machen zu können. Also wagt man den Schritt gar nicht erst. Und wäre er überhaupt zielführend? Würde er das Unternehmen und seine Menschen vorwärts bringen? Gegen Ende des ersten Tages merkten wir, dass die agile stars Vertreter bereits viele gute Lösungen in ihren Unternehmen umgesetzt haben, dass es aber auch noch viele neue und ungelöste Fragestellungen gibt.

AgileStars_RheinEnergieStadionApropos Stars: Wie solche durften wir uns nach dem Ende der Session fühlen, als wir im Rahmen einer Stadionführung durch die Heimstätte des 1. FC Köln durch den Spielertunnel ins Stadion einlaufen und auf der Trainerbank und dem Podest im Pressekonferenzraum Platz nehmen durften. Beim anschließenden Abendessen wurden die Gespräche und Themen vom Nachmittag aber wieder aufgegriffen und bis zum späten Abend leidenschaftlich diskutiert.

Einen spannenden und wertvollen Beitrag zur Diskussion leistete dann zu Beginn des zweiten Tages Prof. Dr. Stephan Fischer, Professor der Hochschule Pforzheim und Beirat von HR Pioneers. Er vermittelte den interessierten Teilnehmern die wissenschaftliche Perspektive auf den „Mythos Agilität“ und erläuterte, „wie HR Management die Agilität im Unternehmen beeinflussen kann“.

Hierbei unterschied Prof. Dr. Fischer in jene Faktoren die Agilität im Unternehmen direkt und jene die sie indirekt beeinflussen. Direkt könnte diese Beeinflussung durch eine bestimmte Ausrichtung des HR Management geschehen, beispielsweise durch die Identifikation und Entwicklung von agilitätsfördernden Kompetenzen, also einer systematischen, auf eine Stärkung der Agilität ausgerichteten Personalentwicklung. Eine weitere Art, wie das HR Management die Agilität im Unternehmen direkt beeinflussen könnte, wäre die Schaffung von Anreizsystemen zur positiven Verstärkung und Unterstützung agilen Verhaltens. Hier wären beispielsweise Vergütungsmodelle, die im Wesentlichen auf den Skills der Mitarbeiter und weniger auf anderen Kritierien wie Bildungsabschlüssen, Seniorität oder ähnlichem basieren, zu nennen. Darüber hinaus würden individuelle Leistungsanreize zugunsten von kollektiven Leistungsanreizen reduziert. Aber auch in der Organisation der Arbeit selbst könnte das HR Management die Weichen für mehr Agilität stellen, u.a. durch eine verstärkte Förderung der Selbstorganisation durch kleinere, autonome Einheiten oder wechselnde Rollen- und Statusverteilung, sowie durch eine verstärkte Beteiligung der Mitarbeiter.

Indirekt kann HR die Agilität im Unternehmen beispielsweise durch die Ausrichtung der organisationalen Gestaltung mittels der Begleitung partizipativ ausgerichteter Transformationsprozesse beeinflussen, oder aber durch die Förderung und Entwicklung kollaborativer Arbeitsformen. Auch durch die Veränderung von Führungsstrukturen, durch die Ermächtigung der Mitarbeiter oder die Überprüfung und Modifikation von Führungsinstrumenten, die nicht agilitätsförderlich sind, kann HR das Unternehmen indirekt zu mehr Agilität hin beeinflussen. Prof. Dr. Fischer führte das prominente Beispiel des Orpheus Chamber Orchestra an, welches bewusst auf einen Dirigenten verzichtet, selbstorganisiert auf höchstem Weltniveau gemeinsam musiziert und u.a. bereits mit einem Grammy ausgezeichnet wurde. Diese Musikerensemble hat es geschafft, das selbstorganisierte Arbeiten nach demokratischen Prinzipien und ohne Hierarchien bei sich zu etablieren und kann auch Unternehmen durchaus als Inspiration dienen.

Im Umgang mit Wissen innerhalb des Unternehmens lässt sich ebenfalls Einfluss auf Agilität ausüben. Durch die Schaffung und Förderung einer Kultur, die Ausprobieren, Scheitern, Lernen und Speichern des Gelernten unterstützt, und einer Organisation, die selbst lernt und sich kontinuierliche Verbesserung zum Ziel setzt, kann dies gelingen und HR kann durch entsprechende Führungs-, Anreiz- und Qualifikationssysteme aktiv dazu beitragen.

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Schon während des interaktiv gestalteten Vortrags von Prof. Dr. Fischer, aber auch im Anschluss entstanden weitere lebhafte Diskussionen zu eben diesen Anreiz- und Vergütungssystemen. Es wurde grundsätzlich über die Frage diskutiert, ob und inwieweit der agile Mensch gerecht sein kann und sein muss, ob und wie im Bezug auf das Vergütungssystem eine grundsätzliche „Verfahrensgerechtigkeit“ erzielt werden kann und ob es überhaupt möglich ist, in einem agilen Unternehmen ein geheimes, also nicht-transparentes Vergütungsmodell durchzusetzen.

Diesem Thema war vorab die höchste Priorität und Relevanz für die Diskussion seitens der Teilnehmer zugeschrieben worden, sie lieferten aber auch viele weitere Ideen für Diskussionen, die bei möglichen Folgeterminen intensiver besprochen werden können. Dass es eine Fortsetzung geben soll, darüber waren sich alle Anwesenden einig, drum bleibt uns nur zu sagen: Vielen Dank für Eure Teilnahme und bis zum nächsten Mal bei den „agile stars“!

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